Schuld ist keine Option

24. April 2015 – Ganz Armenien trauert. Aus Deutschland, wie aus vielen anderen Ländern der Welt vernimmt man mahnende Stimmen. Sogar der Papst meldet sich zu Wort. Die Anteilnahme mit den Opfern des armenischen Völkermords ist am 100. Jahrestag der Vernichtungskampagne des Osmanischen Reiches so groß wie nie zuvor. Auch in der Türkei wird gedacht.

Nicht jedoch dem Genozid an den Armeniern, sondern der siegreichen Schlacht von Gallipoli im ersten Weltkrieg, die durch einen klugen Kniff des historisch bewanderten Regierungschefs Ahmet Davutoglu auf den selben Tag fällt wie der armenische Gedenktag. Dazu gibt es – 100 Jahre nach dem einzigen nennenswerten türkischen Sieg des ersten Weltkriegs – osmanische Romantik, Militärparaden und einen Gast, der sich auskennt, wenn es um das Verdrängen und Verschweigen nationaler Schuld geht: Den britischen Prinz Charles.

Dass die Türkei den hundertsten Jahrestag der Verteidigung Gallipolis mit überschwänglichen Festivitäten begehen, ist ebenso wenig verwunderlich wie verwerflich. Der missglückte Landung der Entente-Mächte an den Dardanellen gilt als Geburtsstunde der türkischen Nation. Nachdem erste Marine-Angriffe der Briten und Franzosen im Februar und März 1915 unter herben Verlusten scheitern, was auch  den Rücktritt des für die britische Royal Navy verantwortlichen Marineminister Winston Churchill zur Folge hat, beschließt die Entente einen neuerlichen Angriff unter Beteiligung von Infanteriesoldaten zu starten. Dieser erfolgt mit der Landung britischer, französischer sowie der australisch-neuseeländischen ANZAC-Truppen an verschiedenen Standorten der nördlichen und südwestlichen Küsten Gallipolis am 25. April 1915. Der Kommandant der 19. türkischen Division, einer Reserveeinheit, die ursprünglich weiter im Landesinneren bei Gaba Tepe stationiert ist, ist Mustafa Kemal. Sein Einschreiten verhindert die alliierte Übernahme der strategisch wichtigen Region am Marmarameer. „I don’t order you to fight, I order you to die. In the time it takes us to die, other troops and commanders can come and take our places“, befiehlt er seinen Soldaten. Worte, die in die Geschichtsbücher eingehen. Der Angriff der Entente scheitert. Nach neuerlichem erfolglosen Aufbäumen im August evakuieren die Briten, Franzosen und ANZACs noch im Dezember des selben Jahres.

Die jungtürkische Standhaftigkeit an den felsigen Klippen der Halbinsel wird am Bosporus heute gerne in den Kontext der türkisch-nationalen Geburt gestellt. Ihr Glanz überlagert das Wissen über die osmanische Niederlage im „Great War“. Ihr leinwandreifes dramaturgisches Potenzial überdeckt die weiteren Umstände, unter denen der spätere erste Präsident Mustafa Kemal die türkische Nation schmiedete. Denn das Kemal nicht nur der unfehlbare, progressive Reformer war, der das verstaubte osmanische Empire für Europa öffnete, ist unlängst bekannt, auch wenn bezweifelt werden mag, dass diese teilweise Revision des Kemalschen Heldenstatus in besonders vielen der urigen anatolischen Wohnzimmern angekommen ist, aus denen sein gold-gerahmtes Antlitz lächelt. Doch Kemal war eben auch eiskalter Pragmatiker. Wenngleich er zu Zeiten des armenischen Genozids noch keine führende Rolle innerhalb der jungtürkischen Politik bekleidete, führte auch Atatürks Weg über Leichen. Der lädierte osmanische Vielvölkerstaat, der ihm ein Dorn im Auge war, fiel der dogmatischen Nationalisierung zum Opfer. Die Deportation hunderttausender Armenier wirkt in der Rückschau fast wie ein alternativloses Puzzlestück innerhalb der türkischen Naissance.

Mit der „Verschickung“ der anatolischen Armenier in die syrische Wüste und ihrer systematischen Vernichtung ging eine lange Kampagne der verbalen  Diffamierung der armenischen Christen einher, die auf alten Ressentiments  aus dem osmanischen Reich aufbauen konnte. Spätestens seit dem Berliner Kongress 1887, in dem dem Osmanischen Reich Reformen in den armenischen kleinasiatischen Ostprovinzen aufgezwungen wurden, betrachteten viele osmanische Muslime die christlichen Mitbürger als verlängerten Arm äußerer Bedrohung. Die im Tanzimatzeitalter verübten Massaker an Armeniern standen nicht nur im Zeichen des aufkommenden parastaatlichen Islamismus, sondern rissen auch auf kleinster, nachbarschaftlicher Ebene eine unwiderrufliche Kluft zwischen Armenier und Türken. Bereits im Jahre 1895 entsandte das Komitee ein Telegramm an den Sultan, in denen es die osmanischen Armenier bezichtigte, als „Verräter (…), das heilige Band zwischen den Muslimen (…) und dem Hohen Kalifat zu brechen.“

Im April 1915 kam es schließlich zum armenischen Aufstand in der Stadt Van. Auch wenn  Innenminister Talât Pascha in einem Telegramm vom 24. April durchblicken ließ, es gäbe „keinen Mut zu einer ernsthaften, allgemeinen Revolutionsbewegung“, genügte den Jungtürken der Vorfall, um die Armenier noch publikumswirksamer als Verräter am osmanischen Vaterland zu denunzieren. Armenische Soldaten in den Reihen des osmanischen Militärs, denen Kriegsminister Enver Pascha noch im Februar des selben Jahres in einem Brief an einen armenischen Bischof gute militärische Dienste bescheinigte, wurden entwaffnet und ermordet.

Auch wenn Mustafa Kemal sich das schändliche Narrativ des armenischen Dolchstoßes nie selbst zu Eigen machte, reichte seine zurückhaltende Beurteilung der Massaker als „schändliche Tat“  im Jahre 1920 nicht aus, ein nationales Paradigma zu schaffen. Seine Zusammenarbeit mit den Mördern der Armenier, die sich unter ihm in vielen wichtigen Positionen in Staat und Militär hielten, macht im Gegenteil deutlich, wie die Prioritäten in der jungen türkischen Republik geeicht waren. Die von der jungtürkischen „Partei für Einheit und Fortschritt“ bis 1918 vorangetriebene Vision des „Türk Yurdu“, der „Heimatstädte für die Türken“, sollte mit eiserner Konsequenz vorangetrieben werden. Als Aktivierungsenergie nationaler Zukunft machte der politische Kader, dem auch Attatürk vor dem ersten Weltkrieg angehörte, bereits früh eine innere Homogenisierung durch  aggressiven Nationalismus aus.

Zur Anerkennung des armenischen Völkermords würde daher auch eine partielle Neubeurteilung des noch über jeglichen Zweifel erhabenen Nationalvaters gehören, dessen Idealmismen und Leitlinien unter Recep Tayyip Erdogan zwar wie unter keinem türkischen Staatsmann zuvor aufzuweichen und zu verschwimmen scheinen, der aber dennoch wie eh und je den unantastbaren Fixpunkt türkisch-nationaler Identität darstellt, dessen Integrität nichtmals ein Erdogan in seinem ungezügeltsten Anflug osmanischer Nostalgie anzuzweifeln wagen würde.

Doch Geschichtsbewältigung ist für die Türkei Erdogans ohnehin kein Thema. Der Präsident, dessen Stolz als übertriebenen Auswuchs südländischen Temperaments auszulegen, seinem Ausmaß nicht gerecht werden würde, wütet weiterhin in paranoid anmutender Frequenz über Belehrungen und Bevormundungen aus dem Westen. Betrachtet man jedoch den inneren Zustand seines Landes wird einem das strategische Aufbauschen des Gallipoli-Festaktes verständlich. Die Bürgerproteste vom Taksim-Platz sind keine zwei Jahre her.  Die Aufbruchstimmung von damals mag abgeebbt sein, die Träger des Aufstands sind jedoch nicht verschwunden. Korruptionsskandale im Inneren des Staates schlagen weiter hohe Wellen. Mit Abdullah Gül kristallisiert sich ein mächtiger Gegenspieler Erdogans heraus. Die gefühlt unumkehrbare Überlegenheit der AKP steht auf wackeligen Füßen. Das Einräumen von Schuld in der armenischen Frage könnte da wie ein weiteres Indiz für Schwäche erscheinen. Marschmusik, Uniformen, Paraden und die Besinnung auf lang vergangene Siege dagegen lassen von glorreichen Tagen träumen.

Dass der prominenteste Gast der Gallipoli-Festivitäten da Prince Charles ist, passt nicht nur aufgrund der gemeinsamen historischen Verstrickung ins Bild. Denn wie den Türken mangelt es auch den Briten seit je her an einem würdigen Ansatz der eigenen Geschichtsbewältigung. So steckt etwa – ohne Vergleiche anstellen zu wollen – die Aufarbeitung des Indischen Holocausts und des Mau-Mau-Krieges noch in den Kinderschuhen. Die zahlreichen Verbrechen der britischen Imperialgeschichte werden in den Fluten der „Great-War“-Erinnerungskultur erstickt und zur Randbemerkung der glorreichen  Weltmachtvergangenheit heruntergespielt.  Auch die Briten sind ein stolzes Volk.


Bild: Henry MorgenthauAmbassador Morgenthau’s Story Doubleday, Page p314. [http://commons.wikimedia.org/wiki/%D5%80%D5%A1%D5%B5%D5%B8%D6%81_%D5%91%D5%A5%D5%B2%D5%A1%D5%BD%D5%BA%D5%A1%D5%B6%D5%B8%D6%82%D5%A9%D5%AB%D6%82%D5%B6#/media/File:Morgenthau336.jpg]

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