Zwischen Chaos und Stillstand

Wer in Kairo in ein Auto steigt, braucht starke Nerven. Hier gibt es genau zwei Regeln. Die Erste heißt: Es gibt keine Regeln. Eine Zweite folgt dann doch: Wenn es einen Meter Platz gibt, nutze ihn! Hier hat jede zweispurige Straße vier, Fußgänger schieben sich  über Motorhauben und wer den ständigen Anfahr-Brems-Takt nicht beherrscht und aus dem Tritt gerät, wird auch schon mal von einem Pferdewagen überholt – unter dem mahnend-drängenden Hupen der Autos im Rückspiegel.

Selbst in den späten Abendstunden liegt ein Klangteppich aus Signalhörnern und Sirenen über der Stadt, der jedes deutsche Autokorso nach Gewinn der Weltmeisterschaft wie einen schlechten Witz klingen lässt. Den Einwohnern ist der Verkehr in der Hauptstadt ein Dorn im Auge. Doch sie haben sich mit ihm arrangiert. Irgendwie funktioniert es ja doch. Es ist ein bisschen wie mit der Politik.

Resignation ist in Ägypten keine aktive Geisteshaltung. Dazu ist sie zu tief verankert in den Köpfen der Bevölkerung. Ein kaum sichtbarer, trüber Schleier, der über den Gemütern der Menschen liegt. Husni Mubarak hat das Land nicht geprägt. Das wäre eine maßlose Untertreibung. Er hält Ägypten noch immer in Geiselhaft. Der ägyptische Präsident heißt heute zwar Abdel Fattah a-Sisi, doch die Kontinuität des unveränderlich-starren Despotismus gehört zweifellos zu den Meriten seines Vor-Vorgängers. Wenn Orhan Pamuk Istanbul eine charakteristisch-rückwärtsgewandte Melancholie („Hüzün“) attestiert, kommt man nicht umhin, Kairo eine schwer fortgeschrittene Apathie zu bescheinigen.

Das lähmende Gefühl der Stagnation, der bedrückenden Unfreiheit, die leise Ahnung der Hoffnungslosigkeit gehören für die Menschen auch unter a-Sisi noch immer zu ihrem Leben, wie der tägliche Verkehrskollaps auf der „26th of July-Street“ in Kairo. Es geht keinen Meter vor, und genau so wenig zurück. Vielen ist das egal. Sie verwechseln Autorität mit Sicherheit, für sie bedeutet Unveränderlichkeit nicht Stillstand sondern Ruhe. Die anderen weinen lieber leise um ihre geliebte Heimat.

Einer von ihnen ist Shady Mohammed. „Hier haben wir damals versucht, das Land zu verändern. Aber wir haben es nur versucht“, sagt er, als wir – begleitend vom schallenden Hupkonzert des sich zäh windenden Verkehrs – am Tahrir-Platz vorbeifahren. Das Lächeln auf seinen Lippen hat dabei viel von Galgenhumor. Als der arabische Frühling ausbrach, war Shady grade 26 Jahre alt. Er hatte seinen Bachelorabschluss grade in der Tasche, arbeitete als Übersetzer für das Goethe Institut und hatte alle seine Schulden beglichen: Studiengebühren, Miete, das, was er sich in den letzten Jahren von Familie und Freunden geliehen hatte, um sich eine Zukunft aufzubauen. Er war ein freier Mann – und bereit Ägypten zu verlassen. Doch dann kam die Revolution.

„Ich hatte das Gefühl, dass es meine Pflicht ist, zu bleiben.“, erzählt er bei einem Bier auf dem Balkon. Er ging auf die Straße, verharrte nächtelang auf dem Tahrir-Platz und feierte, als Mubarak dann endlich fiel. Es war diese Zeit der Hoffnung, die ihn dazu bewegte, ein Master-Studium in Kairo zu beginnen. Shady hatte jahrelang darauf hingearbeitet, Ägypten den Rücken zu kehren, als hochqualifizierter, multilingualer Mann sein Glück in Europa zu versuchen. Nun gab er seiner Heimat eine zweite Chance.

Heute sagt er: „Ich glaube das war ein Fehler. Es gibt Momente im Leben, da muss man egoistisch sein. Einen solchen habe ich verpasst.“ Die Revolution sei von Anfang an verdammt gewesen. „Was wir jetzt haben, ist von allen schlechten Optionen, die es gab, die beste“, erklärt Shady, dessen lebenslustiges Strahlen Wehmut zu weichen scheint, wenn es um die Politik seines Landes geht.

Was wir jetzt haben. Das ist die Regierung a-Sisis. Eine Regierung, die wieder auf der allgegenwärtigen Macht des Militärs fußt. Mubarak hatte versucht sich dieser zu entledigen, seinen Sohn Gamal als Nachfolger zu installieren. Doch der war Geschäftsmann, dazu explizit neoliberal. Kein Mann der Armee also und für diese nicht mehr als ein Nestbeschmutzer. Auch deshalb kam es 2011 zur Revolution.

Nun hat das Militär die Macht zurück – und baut sie aus, wo immer es geht. A-Sisi regiert seit Monaten per Notstandsgesetz, seine Politik ist kein Stück liberaler als die Mubaraks. Seine oppressive Haltung gegenüber jeder Art von Opposition zeigt nicht zuletzt das viel kritisierte Anti-Terrorgesetz, das Meinungs- und Pressefreihet weiter beschneidet. Die Parlamentswahlen, die nun nach unendlichem Hin und Her für Oktober und November angesetzt wurden, drohen nicht zur Farce zu werden, sie sind es schon lange bevor sie begonnen haben.

„Es gibt für mich in diesem Ägypten keine Zukunft.“, sagt Shady. Es ist die selbe Resignation, die ihn überkommt, wenn er an den Verkehr auf den Straßen Kairos denkt. „Als ich mein Auto verkauft habe, war ich der glücklichste Mensch der Welt“, sagt er und grinst verstohlen, „Ich habe den Menschen gehasst, den das Autofahren hier aus mir gemacht hat.“

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