„Wir sind ein stinknormales Land!“

Foto Credit: Christoph Müller

Vom 2. bis zum 4. Oktober feierten hundertausende Menschen in Berlin die deutsche Wiedervereinigung. Etwas verspätet wurde nun auch in Kairo das Jubiläum des deutsch-deutschen Einigungsvertrages begangen. Vor geladenen Gästen in Anwesenheit des deutschen Botschafters Julius Georg Luy blickte der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in einem Vortrag in den Räumlichkeiten des Deutschen Wissenschaftszentrum auf die friedliche Revolution in der DDR und die bisherige Entwicklung des vereinten Deutschlands zurück – und verlor trotz aller Feierlichkeit auch mahnende Worte.

Wolfgang Thierse ist wohl genau das, was man in der Politik einen alten Hasen nennt. Als Fraktionsvorsitzender der SPD in der Volkskammer der DDR wirkte er aktiv an der Gestaltung der deutschen Einigung mit. Mehr als 20 Jahre saß er im Parlament der geeinten BRD. 15 Jahre lang in dessen Präsidium. Man könnte meinen, der Mann habe schon alles gesagt. Jede Anekdote erzählt. Wahrscheinlich hat er das auch. Die Leidenschaft und die Geduld mit der Thierse über den schwierigen und unvollendeten Prozess der deutschen Einigung und die bevorstehenden Hürden referiert, sind jedoch so erquickend, dass man den Eindruck gewinnen könnte, Thierse sei noch immer getrieben von jugendlichem Eifer, dem Willen etwas zu verändern. Fast wirkt es, als habe dieser Mann – jenseits der 70 immerhin – grade erst angefangen. Wenn Thierse beginnt über Demokratie zu sprechen, über ihre Kostbarkeit und ihre Fragilität, über die großartige historische Bedeutung der friedlichen Revolution 1989, mit einer Eindringlichkeit, die seine märchenonkelhafte Stimme mal drohend beben lässt, nur um dann wieder in einen beruhigenden, fast poetischen Duktus zu verfallen und fast demütig über den glücklichen Lauf der Geschichte zu sinnieren, dann könnte man meinen, dem Mann gehe es darum, sein Lebenswerk zu verteidigen. Wahrscheinlich tut es das auch.

Thierse sagt: „Die Mauer wurde von Osten eingedrückt.“ Auch er weiß, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Immer wieder betont er die glückliche, fast willkürlich anmutende Verkettung historischer Kausalitäten, die zum Fall der Mauer und schließlich zur Wiedervereinigung führten. „Das war alles andere als selbstverständlich.“ In Deutschland verblasst dieses Gefühl zunehmend, das weiß auch Thierse; er redet dagegen an. Hier in Kairo ist es dafür präsenter denn je. Demokratie, Freiheit, Einheit: All das ist nicht selbstverständlich. Das Glücken einer Revolution ist von vielen Faktoren abhängig. Und dennoch: „Die Mauer fiel nicht aufgrund einer planvollen Politik des Westens. Oder wegen des bloßen Zusammenbruchs der Sowjetuninon. Sie wurde von Osten eingedrückt. Daraus ziehe ich mein Selbstverständnis. Das muss ich betonen.“ Der SPD-Politiker weiß um die breite Rezeption gegenteiliger Interpretationen. Er spricht mit einem Augenzwinkern. Aber aus tiefer Überzeugung.

Dass manches, was Thierse von sich gibt, ein wenig romantisch wirkt, liegt eher an seiner prosahaften Erzählnatur als an seinen inhaltlichen Ausführungen. Der studierte Kulturwissenschaftler – so gerne er auch erzählt, wie er trotz drohender Exmatrikulierung mit Studienkollegen die Gedichte Wolf Biermanns kopierte und verbreitete  – hält sich nicht lange mit Nostalgie auf. Und so ist seine Rede zum Jubiläum der Wiedervereinigung vor allem eine Rede über Verantwortung und kommende Herausforderungen. Für Deutschland und auch für Europa. Thierse betont: „Die europäische Integration und die deutsche Einigung sind zwei Seiten der selben Medaille.“ In Zeiten der Flüchtlingskrise sei das geeinte Europa nun gefragter denn je. Und für Thierse ist die Stoßrichtung klar: „Entweder Europa zeigt sich solidarisch, oder es gibt kein geeintes Europa mehr.“

Damit setzt Thierse auch eine Spitze gegen den ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orbán. Dieser hatte Deutschland aufgrund seiner liberalen Flüchtlingspolitik „moralischen Imperialismus“ vorgeworfen. Thierse, der während seiner parlamentarischen Laufbahn längst nicht immer als Freund Angela Merkels auftrat, stimmt auffallend harmonisch in das „Wir schaffen das“-Mantra der Kanzlerin ein. „Ich lasse mir lieber moralischen Imperialismus vorwerfen, als irgendeine andere Form des Imperialismus.“ Die Aussage Orbáns, Ungarn wolle sich auch in Anbetracht der Einwanderung nicht ändern, sei eine „trostlos dumme Aussage.“

Denn Veränderung sei ein notwendiger Prozess. Und dass Deutschland sich in Anbetracht der starken Zuwanderung verändern werde, da ist sich Thierse sicher. Auch, dass es Probleme geben werde. Die Erwartungen vieler Flüchtlinge an ihre neue Heimat seien geradezu utopisch. „Deutschland kann das Paradies der Welt nicht sein.“, sagt er. Am Ende sei Deutschland – und deutlicher könnten fünf Worte den zuvor erzeugten Tenor der Abendveranstaltung nicht konterkarieren – „ein stinknormales Land.“

Die Integration von Flüchtlingen erfordere es, sich über die eigene Identität bewusst zu werden. Thierse zitiert Friedrich Höderlin: „Das Eigene muss so gut gelernt sein wie das Fremde.“ Denn in der Vergangenheit sei Integration nicht immer geglückt – auch aufgrund des fehlenden Bewusstseins darüber, was genau die Gesellschaft ausmache, in die die Einwanderer integriert werden müssten. Wieder greift Thierse in die Zitatekiste. „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“, hatte Max Frisch 1965 in Abetracht der in Deutschland eintreffenden Gastarbeiter gesagt.

Heute ist die Situation eine andere: Deutschland steht so selbtsbewusst da wie nie seit Kriegsende. Ein bedeutender Teil dieses Selbstbewussteins rührt sicherlich aus der geglückten Einigung vor 25 Jahren. Und so versprüht auch Thierse, der den Bogen zwischen deutsch-deutscher, deutsch-europäischer Geschichte und den aktuellen Herausforderungen Europas mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit schlägt, hinter dem mahnenden Zeigefinger vor allem Zuversicht. Er nimmt die Worte nicht in den Mund, doch das merkelsche „Wir schaffen das“ schwingt in seiner Rede mit. Über das wie, könnte er wohl eine weitere Stunde sinnieren. Die Zeit bleibt nicht. Vielleicht hat der Mann dann doch noch nicht alles gesagt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s