About Schmidt

Foto Credit: Kleinschmidt / MSC

Ich gehöre – wie viele, die sich heute über Helmut Schmidt äußern – zur Generation, die den Altkanzler nur noch aus Fernseh-Talks kennen. Okay, und aus dem Geschichtsunterricht. Denen also, die deutlich zu jung sind, um Schmidts aktive politische Laufbahn verfolgt zu haben. Die vielleicht ab und an mal einen seiner oft herausragenden Artikel in der „Zeit“ lasen – und eben an so manchem Fernsehabend bei einem der vorderen Programme hängenblieben, wenn Schmidt dort in einer Talkrunde zu Gast war.

Die ihm zusahen, wie er leicht vorgebeugt auf seinem Stuhl saß, später im Rollstuhl, und rauchte. Und redete. Lässig, im Hamburger Schnack, aber doch mit einer Bissigkeit, die ihn inmitten der anderen – meist deutlich jüngeren – gezügelten Anzugträger fast wirken ließ, wie einen Exoten. Die einem kontinuierlich das doch eher absurde Gefühl vermittelte: Scheiße, diese Bonner Republik muss ein echter Saloon gewesen sein, verglichen mit der durch Medien, PR- und Imageberater so glattgebügelten Polit-Welt unserer Tage.

Was nicht heißen soll, Schmidts Auftreten hätte bei mir je einen rüpelhaften Eindruck hinterlassen. Im Gegenteil. Es war die vornehm bedachte aber stets erfrischend direkte Art seiner Ausführungen, die ich bewunderte. Nicht selten erlebte ich den ältesten Gast der Runde so als den Frischesten, den Frechsten. Kurz angebunden ohne dabei den ihn stets umgebenden Anschein der Erhabenheit zu verlieren. Schmidt verfiel auch im hohen Alter, nach Jahren in der Rolle des wohl gefragtesten Elder Statesman, selten in Plattitüden. Seine Meinung, seine Analysen, seine Einschätzungen waren eine Bereicherung.

Helmut Schmidt war wohl der größte und großartigste Realpolitiker der BRD-Geschichte. Ein Pragmatiker, der gegen den idealistischeren Rockstar Willy Brandt fast piefig wirken konnte. Der jedoch mindestens genauso verbissen für seine Überzeugungen einstand: Für das Godesberger Programm, für die Hinwendung zur NATO, für den Doppelbeschluss – und auch für die Kernkraft. Sein Krisenmanagement während des Deutschen Herbst hat Schmidts Vermächtnis geprägt.  Neben der charakterlichen Festigkeit, der Sturheit, die sich nicht zuletzt während der schicksalhaften Stunden von Mogadischu 1977 zeigte, war es jedoch vor allem Schmidts unanfechtbare Expertise in wirtschaftlichen und außenpolitischen Fragen, die die Eckpfeiler seiner Kanzlerschaft bildeten.

Schmidt war ein wandelndes Lexikon der Weltpolitik. Das wurde mir spätestens bewusst, als ich das Buch „Zug um Zug“ in die Hände bekam, einen abgedruckten Dialog Schmidts mit Parteikollege Per Steinbrück. Bahnbrechende neue Erkenntnisse lieferte dieses sicherlich nicht, wofür es viel gescholten wurde, die Kleinteiligkeit, mit der Schmidt über geopolitische Vorgänge und Entwicklungen zu sprechen vermochte, beeindruckte mich dennoch zutiefest. Bis zuletzt soll Schmidt sich durch EU-Berichte und Botschaftsanalysen, Gesetzesvorlagen, Parlamentsprotokolle und sicherheitspolitische Studien gearbeitet haben.

Eben jener Arbeitsethos hatte sich für Schmidt während seiner politischen Laufbahn als überlebenswichtig herausgestellt. Denn die Herausforderungen seiner Zeit waren enorm. Als Schmidt Brandt 1974 als Kanzler folgte, waren die Grundsteine der deutschen Nachkriegspolitik bereits gelegt. Adenauer hatte die Westintegration in die Bahnen geleitet, Erhard konnte sich das Wirtschaftswunder auf die Fahne schreiben. Unter Brandt begann die Annäherung an den Osten. Für Schmidt gab es weniger Möglichkeiten sich zu profilieren, dafür Mammutaufgaben, die gestemmt werden mussten. Eine Fußballweisheit besagt: Am schwersten ist die zweite Saison nach dem Aufstieg. Bei Schmidts Vereidigung hatte diese zweite Saison der deutschen Nachkriegsgeschichte begonnen. Die Euphorie über den wirtschaftlichen Aufschwung war lange verblasst, die politischen Großprojekte waren angestoßen aber lange nicht beendet, Inflation, Ölkrise und roter Terror prägten bald die Tagesordnung des Neukanzlers.

Ich muss zugeben: Wäre ich vierzig Jahre früher geboren, Schmidt hätte mich mit seinem fast kalten Rationalismus wohl das ein oder andere Mal zur Weißglut gebracht. Ich bin mir fast sicher: Ich wäre immer eher im Team Brandt zu finden gewesen. Als zu konservativ, zu statisch und bisweilen zu arrogant empfinde ich das Bild Schmidts, das mir der Rückblick vor meine Zeit zeichnet. Oskar Lafontaine hatte 1982 (wenig pietätvoll) gegen Schmidt geschossen: „Er spricht weiter von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“

Doch: Mit vielem, was der Hamburger so vehement vertrat, sollte er Recht behalten. Der NATO-Doppelbeschluss, der erst nach seiner Zeit als Kanzler durchgesetzt wude, führte zur erhofften Restabilisierung der Mächte, letztendlich gar zur Entspannung. Mit wirtschaftlichem und außenpolitischen Sachverstand schaffte Schmidt es zur Deeskalation beizutragen und gleichzeitig die westdeutsche Rolle in der Welt zu stärken. 1975 erklärte ihn die britische „Financial Times“  zum „Man of the Year“. Bereits im Jahre 1962 hatte er seine Führungsqualität unter Beweis gestellt, als er während der Hochwasserkatastrophe als Hamburger Innensenator den Großeinsatz von Rettungsdiensten sowie Katastrophenschutz koordinierte und sich dabei – in typischer Manier – über bürokratische Hürden hinwegsetzte, um schlimmeres zu verhindern.

Der Topos der Souveränität lässt sich dabei retrospektiv leicht konstruieren. Schmidt war bei weitem nicht unfehlbar. Trotz vordergründiger Arroganz blieb er ein sensibler Mensch, der sich stets Sorgen um die Richtigkeit seiner Entscheidungen machte. Rückblickend sagte er einmal über seine Kanzlerschaft: „Ich wollte dieses Amt nicht. Ich hatte Angst davor.“ Man kann es nur einen Glücksfall nennen, dass diese Angst nicht siegte. Sondern das Pflichtgefühl. Eine der Sekundärtugenden, die Helmut Schmidt so stark machten, so wichtig. Noch weit über seine Kanzlerschaft hinaus. Auch für die, die ihn nur noch als Talkgast kannten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s