Wieso der Syrienkrieg nicht das ist, was viele denken

Foto Credit: U.S. Marine Corps photo by Cpl. Akeel Austin/Released

Als Russlands Premierminister Dimitrij Medwedew im Hinblick auf den Syrienkrieg vor einem „Dritten Weltkrieg“ warnte, waren sich die Experten schnell einig, dass es sich bei diesem Unkenruf lediglich um einen besonders steilen Ausschlag auf dem Seismographen der verbalen Aufrüstung handelte, die in der internationalen Politik spätestens seit dem Überschwappen der weltweiten – und besonders nahöstlichen – Krisen über die europäischen Grenzen durch Massenflucht und Terrorismus wieder Einzug hält.

Doch nicht nur auf der großen politischen Bühne, auf der das Herbeischwören politischer Ausnahmezustände nicht nur außen- sondern insbesondere innenpolitischen Zwecken sehr dienlich sein kann (der deutsche „Burgfrieden“ im 1. Weltkrieg und der amerikanische „Cold-War-Consensus“ im Kalten Krieg bieten hier sehr anschauliche Beispiele aus der ferneren Vergangenheit), werden immer wieder Szenarien diskutiert, in denen der Syrienkonflikt wie selbstverständlich in einen größeren Kontext eingeordnet wird, der ihm eine beinahe präzedenzlose geopolitische Aufladung und Sprengkraft beimisst.

Syrien wird zum Typus des Schlachtfeldes politischer Niederträchtigkeit. Der Syrienkrieg, das sind islamistischer Terrorismus, amerikanischer Imperialismus, russische Feindseligkeit, westliches Streben nach Öl, machtpolitische Intrigen, arabischer Despotismus und drittweltliche Hilf- und Planlosigkeit in Einem.

Krautreporter veröffentlichte kürzlich via Facebook eine Grafik unter dem Titel „In Syrien findet ein kleiner Weltkrieg statt“. Autor Rico Grimm illustrierte durch ein Netz von bunten Linien die Verstrickung der unterschiedlichen Parteien und Interessensgruppen, die in Syrien ihre Finger, Kämpfer und Flugzeuge im Spiel haben.  Die intrinsische Aussage der Grimm‘schen Darstellung ist klar: Wenn der Syrienkrieg auch nur ein „kleiner Weltkrieg“ ist, so ist er doch zumindest ein riesengroßes Wirr-Warr und ein mindestens mittelgroßer Stellvertreterkrieg machiavellistisch-agierender externer Mächte.

Ersteres ist unbestreitbar. Selten glich das politische Schachbrett in einem internationalen Konflikt so sehr einem Mikado-Spiel. Selten seit Ende des Kalten Krieges war die Angst größer, ein falsches Stäbchen zu ziehen.  Und dennoch: Wer Syrien als Schauplatz eines Stellvertreterkriegs betrachtet, der auf fundamentalen Unvereinbarkeiten äußerer Akteure beruht, missachtet Grundsätzliches und versperrt den Blick auf noch immer denkbare (Teil-)Lösungen.

Denn: Der Syrienkrieg ist bei aller äußerer Einmischung noch immer – in erster Linie – ein Krieg des syrischen Volkes. Ein Krieg, der primär an zwei Fronten geführt wird: Gegen das Regime Assads, dessen Ablösung im Zeichen seiner Grausamkeit für Viele über die Jahre seit dem arabischen Frühling  vom romantischen Wunschtraum zur existenziellen Notwendigkeit wurde, und gegen den selbst ernannten Islamischen Staat (IS), der im Nordwesten und Osten Syriens noch immer große Territorien kontrolliert.

Die deutsche Satiresendung „Die Anstalt“ versuchte den Konflikt im Oktober auf eine verfehlte amerikanische Regime-Change-Politik herunterbrechen. Die eurozentristischen Mär des US-amerikanischen Marionettenspielers greift jedoch zu kurz. Sie verhöhnt den syrischen Überlebenskampf und seine Kämpfer, denen es nach Zahlen von Vera Mironova, von der University of Maryland, vor allem um eine Absetzung Assads und Vergeltung für dessen Gräueltaten geht.

Syrien ist nicht Korea. Syrien ist nicht Vietnam. Und Syrien ist auch nicht Afghanistan. Syrien ist kein klassischer Stellvertreterkrieg, in dem zwei (oder mehrere) Großmächte auf einer kleinen Bühne um einen großen Wetteinsatz buhlen. Denn die Interessen der Protagonisten in Syrien betreffen höchst unterschiedliche Streitpunkte. Und für kaum einen Protagonisten scheint eine Durchsetzung überlebenswichtig. Syrien ist weder für Russland, noch für die USA, oder irgendeinen anderen Drittstaat eine „Do or Die“-Situation. Auf den Schauplätzen des Kalten Kriegs schien das oft anders.

Der vielerorts zur Schau getragene Wille den Krieg zu beenden, macht dies deutlich. Auch wenn die Ergebnisse der Friedensverhandlungen halbgar sind, zeugen sie von einer Kompromissbereitschaft, die die insbesondere durch das doppelte Spiel Russlands und der Türkei festgefahrene reale Lage deutlich konterkariert.

Hier wird ein grundlegendes Problem deutlich: Wäre der Syrienkrieg ein Stellvertreterkrieg, wäre er wohl deutlicher leichter beizulegen. Dass die westlichen Akteure ihn selber so behandeln, macht eine Lösung umso schwieriger. Symptomatisch: Als Russland und die USA den jüngsten Waffenstillstand bekanntgaben, hatten die eigentlich zentralen Protagonisten des selbigen, die syrische Opposition sowie das Assad-Regime, diesem noch nicht einmal zugestimmt.

Jede Überlegung über mögliche Pakt-Konstellationen in Syrien scheitert an einer der großen lokalen Interessensparteien. Jeder Gedanke an eine lokale Lösung am Veto eines internationalen Players. Die internationale Ebene des Syrienkonfliktes existiert neben der seiner Wurzeln: Dem Freiheitsstreben der gemäßigten Opposition, dem islamistischen Machtkampf von al-Nusra, der brutalen Standhaftigkeit von Assad und dem grenzübergreifenden IS-Terror. Das macht die Lage Syrien so aussichtlos.

Aus dem Topos des Stellvertreterkriegs spricht letzten Endes die westliche Verlegenheit mit der Multidimensionalität des Konfliktes fertig zu werden. Das eine solche Einschätzung arrogant ist und zu kurz greift, wird jedoch immer deutlicher. Nicht zuletzt durch die jüngsten militärischen Erfolge von ISIS bei Deir-ez-Zor und der syrischen Armee, die ihre Machtbasis ungeachtet der massiven westlichen Opposition weiter auszubauen vermochte.

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