Gin Tonic gegen Bomben (Reiseblog Beirut 2/2)

Bild-Credit: Facebook.com / B018

 

Freitag: Zeichen des Krieges

Nach zwei Nächten im Viertel Hamra zieht es mich heute in eine andere Gegend der Stadt: In die christliche Nachbarschaft Ashrafiyah. Dort treffe ich mich mit meinem Freund Joey und drei seiner amerikanischen Freunde. Joey arbeitet von Kairo und Gaziantep aus als Politik- und Militäranalyst für verschiedene Organisationen, die im Syrienkrieg tätig sind. Ich hoffe seine guten Arabischkenntnisse können mir helfen, ein noch detaillierteres und unverfälschteres Bild von Beirut einzufangen.

Doch der etwa 5 Kilometer lange Fußweg nach Ashrafiyah gestaltet sich schwieriger als zunächst erwartet. An mehreren Kreuzungen werde ich von Soldaten zurückgewiesen, die mir deuten, die Straßen seien gesperrt. Zum ersten Mal wird die angespannte Sicherheitslage in der libanesischen Hauptstadt für mich spürbar.

Auch wenn sich die Militärpräsenz in den Straßen und auf öffentlichen Plätzen deutlich moderater gestaltet, als ich es aus Kairo kenne, zeugen die Straßenblockaden aus Stacheldraht und eisernen Panzersperren vom Schrecken, den die landesinternen Konflikte und der importierte Terror in Beirut hinterlassen haben. Die libanesische Hauptstadt ist heute eine Metropole in Alarmbereitschaft.

Ich durchquere das Stadtzentrum Beiruts, wo mir moderne Glasfassaden entgegenstahlen und ebenso unberührt wirkende pastellfarbene Apartmentblöcke sich aneinander reihen. Es scheint, als wäre hier einiges passiert in den letzten Jahren, als sei die tieIMG_0930fe Wunde der über Jahre anhaltenden Schusswechsel und Bombardements hier – im Kern Beiruts – zugewachsen.

Doch nur einige Straßen weiter konterkariert ein einstiges Wahrzeichen der Stadt dieses Bild: Das kolossale Holiday-Inn-Hotel. Oder besser: Das, was davon übrig ist. 1972 wurde das Luxusressort eröffnet. Es erzählt von einer besseren Zeit, als der Tourismus boomte, das Leben auf den Straßen Beiruts florierte.IMG_0905

Jetzt bietet das Holiday Inn einen gespenstischen Anblick. Die Front des hohen Hotelturmes ist von Einschusslöchern durchsäht, die fehlende Verglasung öffnet einem den Blick in die einst noblen Apartments mit Seeblick, die nun nicht mehr sind als brüchige Betonkatakomben.

Auf die Ruine angesprochen, erklärt mir ein Taxifahrer: „Das war der Krieg.“ Der Krieg: Diese zwei Worte fallen häufig, wenn man mit Einheimischen über ihre Stadt spricht. Der Krieg, damit meinen die Libanesen – die ja in vielen Fällen Zeugen mehrerer gewalttätiger Konflikte geworden sind –  in den allermeisten Fällen den fünfzehn Jahre andauernden Bürgerkrieg der Siebziger- und Achtziger-Jahre.

Als „Schlacht um die Hotels“ ist die frühe Phase des Krieges heute auch bekannt, in der zwischen christlichen und muslimische Milizen, Linken, und Palästinensern ein erbitterter Kampf um die Downtown-Area der Stadt ausbrach, in der sich neben dem Holiday Inn einige weitere prestigeträchtige und strategisch wichtige Hotelgebäude befanden.

„Das Holiday Inn war das höchste Gebäude in der Gegend“, erklärt mir unser Fahrer. „Es wurde von Sniperschützen benutzt.“ Heute thront es also in seiner ganzen rauen Hässlichkeit über der Stadt: Eine erschreckend kahle Ruine. Ein Mahnmal für das, was zwischen 1975 und 1990 im Libanon passierte. Ein Mahnmal für den Krieg.

Auch an anderen Orten ist die Erinnerung an die Gewalt noch immer präsent. Wir treffen uns in Ashrafiyah und machen uns von dort aus noch einmal auf den Weg durch die Stadt. Auf dem Weg zum berühmten Pigeon Rock an der Ostküste Beiruts kommen wir an zahlreichen Gebäuden vorbei, die offensichtlich Schäden von Bombardements davon getragen haben. Auch im Krieg im Jahre 2006 wurde Beirut von israelischen Streitkräften flächendeckend getroffen.

IMG_0835Das Leben geht weiter: Cafés und Pizzerien in Gebäuden, in denen das obere Geschoss offen liegt, brüchig und verfallen,  begrüßen weiterhin Gäste. Es ist ein pragmatischer Umgang mit der Zerstörung: Man saniert die Immobilien, wo es möglich ist. Da wo jedoch Mittel und Wege fehlen, die Gebäude wieder herzurichten, nutzt man die Flächen, die noch bewohnbar sind.

Fern von Metadiskussionen über Vergangenheitsbewältigung und neue Krisen meistern die Libanesen ihren Alltag.

Samstag: Die Reichen und Schönen

Wer sich hier trifft, hält etwas auf sich: Die Bar Centrale in der Mar Maroun Street serviert französische Küche und starke Drinks. Wir haben einen Tisch im Restaurant reserviert, kommen jedoch selbst für arabische Verhältnisse zu spät und müssen mit einem Platz an der Theke der schlauchförmigen Bar im Obergeschoss Vorlieb nehmen. Bereits der Aufzug ist Vorbote dessen, was uns oben erwartet: Ausgestattet mit schwarzen Ledersesseln dröhnt uns ein souliger Deep-House-Beat entgegen.

An der Bar bestellen wir eine Runde Gin Tonic. Es ist dunkel und laut, alles spricht Französisch, trägt Designermode und raucht. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, genau hier sei der Mythos des „Paris des Nahen Ostens“ entstanden.

Wir bleiben nicht lange, weil der Hunger siegt. Weiter geht der Abend in einem italienischen Restaurant um die Ecke, das auf den ersten Blick deutlich weniger prätentiös daherkommt als das „Centrale“. Wir lassen zwei Flaschen Wein kommen. Das Essen ist gut. Die Rechnung saftig. 280 US-Dollar lassen wir da und ziehen weiter.

Wir kaufen noch ein Bier an der Tankstelle: in anderen arabischen Ländern undenkbar. Hier nicht einmal ungewöhnlich. In den christlichen Gegenden Beiruts sowie auch in der nördlich gelegenen Stadt Byblos, die wir am Sonntag besuchen werden, sitzen die Menschen in den Außenbereichen der offen geschnittenen Bars und trinken Alkohol. Im Supermarkt stehen Bier, Wein und Schnaps neben Wasser, Saft und Limonade.

An der Tür des Clubs „Behind the Green Door“, der uns empfohlen wurde, werden wir abgewiesen. „Tut uns Leid. Das ist eine private Abschlussfeier der American University“, sagt der Türsteher. Wir verhandeln kurz mit dem Veranstalter, leisten ein wenig monetäre Überzeugungsarbeit – und sind drin. Die Bar ist offen, alles, was wir trinken, ist bereits in unserem – zugegeben recht happigen – Eintrittsgeld enthalten.

Die Frauen tragen weiße Ballkleider, die Männer eng geschnittene Sakkos und Hemden. Der DJ spielt Techno, wir trinken Wodka, die Stimmung ist ausgelassen. Nicht anders, als man es von einer College-Graduation-Party erwarten würde. Um etwa halb Fünf ziehen wir noch einmal weiter: in den berühmten Club B018.

Laut Internetrecherche gehen hier Stars wie Naomi Campbell ein und aus. Dabei ist der Laden deutlich schlichter, als man es von einem Club dieses Ranges erwarten würde. Es ist eine mehr oder minder unscheinbare Halle unter einem Parkplatz. Das B018 entfaltet seine besondere Strahlkraft erst, wenn die Veranstalter – getrieben vom Bass wummernder Technobeats – das Dach des Gebäudes auffahren und so den Blick auf die nächt- oder morgendliche Beiruter Skyline freimachen.

Quelle: Facebook.com / B018

Quelle: Facebook.com / B018

Wir bleiben bis Sieben. Dann geht es mit einem Taxi nach Hause. Nach einer langen Nacht – und einer gefühlt ebenso langen Verhandlung um den Fahrtpreis.

In einem Interview in der „Vice“ erklärte Yousef Harati, der Mann hinter unserem Anlaufziel „Behind the Green Door“, einmal: „Wir feiern so ausgelassen, weil die Hisbollah um die Ecke sitzt.“ Die Beirutis versuchten sich zu therapieren, indem sie „trotz Bombenanschlägen feiern“.

Er erklärt: „Es gibt auch Leute, die ausgehen, wenn am selben Abend ein Attentat verübt worden ist. Mehr Beirut geht nicht. Manchmal ist das der einzige Ausweg.“

An diesem Abend ist es ruhig. Die Menschen feiern trotzdem. Oder gerade deshalb.

Zum ersten Teil meines Beirut Reiseblogs.

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