Wie die kurdische Erhebung im Irak den Nahen Osten verändert

„Kirkuk kurdistane, Peșmergê nâv dane“ schallt aus den blechernen Autolautsprechern. „Kirkuk ist Kurdistan, die Peschmerga sind da.“ Es hat etwa 48 Grad Celsius an diesem Freitagnachmittag. Und tatsächlich: In Kirkuk wehen kurdische Flaggen. An einem Sicherheitscheckpoint im Norden der Stadt werden wir von Peschmerga-Kämpfern angehalten. Sie tragen AK47-Maschinengewehre und fragen freundlich nach den Ausweisen.

Kirkuk hier im Norden des Iraks, etwa eine Autostunde von der Hauptstadt des kurdischen Autonomiegebiets Erbil entfernt, war nicht immer kurdisch. Ganz offiziell ist es das auch heute nicht.

Die Stadt steht beispielhaft für den turbulenten Wandel, den die Region in der Zeit des Krieges gegen den Islamischen Staat (IS) durchmacht. Ein Wandel, der schon bald nicht nur den Irak sondern den gesamten Nahen Osten für immer verändern könnte – und der das Potenzial noch viel größerer Konflikte und Unruhen birgt.

Denn am 25. September sollen die Kurden im Irak über ihre nationale Unabhängigkeit abstimmen. Die Kurdische Autonomieregierung im Irak will den ersten Kurdenstaat seit hunderten Jahren Realität werden lassen.

Das Vorhaben ist hochumstritten – nicht nur, weil es auch um Gebiete gehen soll wie de Erdöl-Hauptstadt Kirkuk. Gebiete, die der Regierung von Präsident Masud Barzani laut Auffassung der irakischen Regierung in Bagdad nicht zustehen.

Ebenso problematisch: Auch die irakischen Kurden sind zerstritten. Im Zentrum der Kontroverse steht Präsident Masud Barzani. Der hält an seiner Macht fest, obwohl er das Amt des Präsidenten offiziell bereits im Jahre 2013 hätte abgeben müssen. Einmal ließ er sein Mandat außerplanmäßig verlängern, seit 2015 regiert er ohne konstitutionelle Legitimierung. Viele Kurden sagen: „Unabhängigkeit kann es erst geben, wenn Barzani die Macht abgibt.“

Wer aus der kurdischen Hauptstadt Erbil nur einige Kilometer Richtung Osten fährt, erkennt, wie sehr diese Frage die Kurden spaltet. Während in Erbil viele Plakate das Gesichts Barzanis mit der charakteristischen rot-weißen Kufiya zeigen, sieht man etwa in Sulaimaniyya andere Bilder. Etwa das des Dschalal Talabanis, des Vorsitzenden der kurdischen PUK-Partei.

Von 1994 bis 1997 herrschte Bürgerkrieg zwischen den beiden Machtblöcken – zwischen den Anhängern Barzanis und denen Talabanis. Noch heute verachten viele PUK-Unterstützer Barzanis DPK-Patei. Keine gute Voraussetzung für einen stabil regierten unabhängigen Staat – auch wenn es am 1. November nun endlich wieder Wahlen geben soll.

Ob die für Stabilität sorgen können, bezweifeln vor Ort deshalb wohl zurecht viele. „Ich werde niemanden wählen“, sagt Karwan Waheed, der in Erbil als Touristenführer arbeitet, während wir an einem überlebensgroßen Abbild Talabanis’ vorbeifahren. „Für die Unabhängigkeit werde ich trotzdem stimmen.“

Viele Kurden denken so. Beim Referendum wird ein deutliches Votum für die Unabhängigkeit erwartet. Dennoch könnte die Abstimmung eine Schmach für Barzani werden: Ein mögliches Ergebnis unter 95 Prozent werten Experten schon jetzt als deutliche Quittung für den jahrzehntelangen Vorkämpfer für das unabhängige Kurdistan.

Doch egal wie groß die Zustimmung für den neuen Staat am Ende sein wird, mindestens ebenso groß ist die Ablehnung in den angrenzenden Ländern. Das ist die wohl besorgniserregendste Erkenntnis dieser Tage.

Die türkische Regierung will die Abstimmung vehement verhindern, obwohl sie zu Barzanis Regierung vergleichsweise enge Kontakte pflegt. Auch die iranische Regierung in Teheran fühlt sich durch die kurdischen Bestrebungen bedroht. Und selbst die USA, der wichtigste Partner der kurdischen Armeen im Kampf gegen den IS, haben Skepsis über die Abstimmung im September geäußert.

Die große Sorge: Die Entscheidung könnte ähnliche kurdische Abspaltungswellen im Iran, der Türkei und in Syrien auslösen, wo es in den Grenzgebieten zum Irak ebenfalls eine kurdische Mehrheit gibt. Abspaltungswellen, die wohl zwangsläufig in massiven Konflikten mit den Zentralregierungen in Ankara, Teheran und – je nach Lage des Krieges – Damaskus führen würden.

Im Norden Syriens verwalten kurdische YPG-Kämpfer immer noch große Gebiete, die sich von Afrin über Manbidsch und Kobane bis zur irakischen grenze erstrecken – nur durch einen kleinen von turkmenischen und arabischen Milizen kontrollierten Korridor unterbrochen. Seit Wochen droht die türkische Regierung mit einer „Säuberung“. Tausende Soldaten sollen bereitstellen, um die syrischen YPG-Kämpfern aus der Region um Afrin zu vertreiben. Präsident Recep Tayyip Erdogan will unbedingt verhindern, dass der Krieg in Syrien mit einem kurdischen Einflussgebiet an der Grenze zur Türkei endet.

Auch Teheran droht: Die kurdische Unabhängigkeit sei in keiner Weise hinnehmbar. „Erwarten Sie keine guten Dinge von uns“, so das vielsagende Statement der iranischen Regierung zum anstehenden Referendum.

Drastisch ausgedrückt könnte man also sagen: Ein kurdischer Staat im Nordirak wäre von Feinden umgeben. Wer nur einmal an die jüngere Geschichte Israels denkt, weiß, wohin das im Nahen Osten führen kann. Wieso wollen die Kurden trotzdem die Loslösung von Bagdad wagen?

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